Studie zur Cloud-Transformation im Finanz- und Versicherungssektor

Noch vor wenigen Jahren war Skepsis gegenüber Public Cloud Services im Finanzsektor weit verbreitet: Zu groß schienen die Risiken und Unwägbarkeiten, besonders bei Datenschutz und Regulatorik. Doch wie die aktuelle Studie „Cloud Transformation im Finanz- und Versicherungssektor“ von KPMG (2023) zeigt, hat eine Trendwende stattgefunden: Rund 95 Prozent der befragten Unternehmen nutzen heute die Technologie und die gesamte Branche plant, ihren Workload in Zukunft zu steigern. Daniel Wagenknecht, Partner bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Bereich Financial Services weiß, wie sich typische Fehler vermeiden und Potenziale voll ausschöpfen lassen.

Big Data, Deep Learning, IoT und künstliche Intelligenz – hinzu kommen die flexible Skalierbarkeit und ein geringerer Personalaufwand im Vergleich zum klassischen On-Premise-Modell: Die Vorteile der Public Cloud liegen für Finanzunternehmen auf der Hand. In den vergangenen Jahren hatte sich im Bankensektor hinsichtlich der Digitalisierung ein Innovationsstau gebildet. Nun aber brechen nach und nach die Dämme, was für einen Digitalisierungsschub der Branche sorgt. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle KPMG-Studie „Cloud Transformation im Finanz- und Versicherungssektor“. Fast alle Institute (95 Prozent) sind demzufolge mit ihren Anwendungen bereits in der Cloud. Sogar mehr als die Hälfte der Banken (51 Prozent) wollen ihren Workload künftig auf einen Anteil zwischen 50 und 100 Prozent erhöhen. Für 67 Prozent der Unternehmen liegt die Skalierbarkeit der IT-Infrastruktur an erster Stelle, gefolgt von der Verbesserung der Sicherheit und der Standardisierung der Infrastruktur der IT mit je 42 Prozent. Fazit: Die Branche hat den Trend angenommen und befindet sich auf dem richtigen Weg

Aufbruch in die neue Cloud-Welt

Allerdings stehen Banken und Versicherungen vor der großen Herausforderung, sich einem Digitalisierungsprozess „von außen“ zu unterziehen. Junge Fin- und InsurTechs hingegen werden aus Agilitäts- und Skalierbarkeitsgründen oft aus der Public Cloud heraus gegründet, weshalb sie diese Technologie als Teil ihrer DNA von Anfang an implementiert haben. 39 Prozent der InsurTechs geben an, derzeit mehr als 50 Prozent ihrer Workloads in der Public Cloud zu haben – gegenüber nur 12 Prozent der klassischen Versicherungen. Grund ist der sehr viel größere Migrationsaufwand: Anders als junge Tech-Unternehmen wachsen Banken nicht einfach aus der Cloud heraus. Sie müssen entscheiden, welche Funktionen, Informationen und Services sie Stück für Stück in die Cloud verlagern – und in welchem Umfang und in welcher Zeit sie das erreichen wollen. Neben der Kalkulation des finanziellen und personellen Aufwands können Regulatorik und Datenschutzvorgaben den Prozess
verkomplizieren. So sind die Institute beispielsweise verpflichtet, eine Cloud-Exitstrategie vorzuhalten. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass auch im Fall des totalen Versagens eines Cloud-Dienstleisters – sei es aus technischen oder anderen Gründen – die Kundendaten sicher sind und die wichtigsten Funktionen aufrechterhalten werden können. Deshalb setzen sich viele Häuser derzeit mit Multi-Cloud-Strategien auseinander: Immerhin 29 Prozent verfolgen diese schon heute, fast zwei Drittel (58 Prozent) der Institute planen in Zukunft die Beauftragung mehrerer Cloud-Dienstleister. Erstaunlich – wenn man bedenkt, dass bis vor wenigen Jahren noch Skepsis die vorherrschende Reaktion der Branche auf die neue Technologie war.


„Junge Fin- und InsurTechs werden oft aus der Public Cloud heraus gegründet, weshalb sie diese Technologie als Teil ihrer DNA von Anfang an implementiert haben. 39 Prozent der InsurTechs geben an, derzeit mehr als 50 Prozent ihrer Workloads in der Public Cloud zu haben – gegenüber nur 12 Prozent der klassischen Versicherungen.“
Daniel Wagenknecht, Partner bei KPMG im Bereich Financial Services


Dass die Finanzwelt durch ihre Hinwendung zur Public Cloud derzeit in der Cyberwelt des 21. Jahrhunderts ankommt, ist nur zu begrüßen. Jedoch sollten die Häuser bei der Umsetzung ihrer Cloud-Transformation drei wichtige Grundsätze beachten, um nicht von der Innovationsbremse direkt aufs Aktionismus-Pedal zu treten.

Multi-Cloud nur mit Multi-Performance

Der Einsatz verschiedener Cloud Services unterschiedlicher Anbieter kann sinnvoll sein. Institute profitieren von verbesserter Zuverlässigkeit, erhöhter Flexibilität und Skalierbarkeit sowie der verringerten Gefahr eines Vendor Lock-ins. Die hohe Komplexität eines solchen Unterfangens stellt IT-Verantwortliche aber auch vor große Herausforderungen: Bei der Orchestrierung verschiedener Cloud-Lösungen müssen sie Sicherheit, Integration und Kosten berücksichtigen und einen deutlich größeren Personal-, Kapital- und Zeitaufwand einplanen als bei der Umsetzung mit nur einem Anbieter.

Als goldene Regel gilt: Stellen mehrere Cloud-Anbieter der Bank Services zur Verfügung, die sie bei nur einem Provider nicht erhalten, ist zumindest die Erwägung einer Multi-Cloud-Strategie angebracht. Als reine Absicherung oder zum Vorhalten einer Exitstrategie hingegen rechtfertigt sie den immensen Mehraufwand meist nicht. Der Einsatz der geeigneten Cloud-Infrastruktur setzt somit eine klare Bedarfsanalyse und Implementierungsstrategie voraus und hängt nicht zuletzt von der vorhandenen IT-Infrastruktur und dem eigenen Cloud-Reifegrad ab.

Vielfalt der Migrationshintergründe

Stichwort Bedarfsanalyse: Einerseits ist die präzise Analyse des tatsächlich vorhandenen Bedarfs maßgeblich, um Cloud-Transformation effizient umzusetzen. Im Idealfall bewerten Unternehmen individuell, was die optimalen Migrationswege sind. Wichtige Frage dabei: Wieviel Zeit und Ressourcen stehen für die geplante Transformation zur Verfügung – und deckt sich dieses Budget mit dem zu erwartenden Aufwand? Weitere Bewertungsgrundlagen sind der Zustand der aktuellen Applikation(en), die zugrunde liegende Anwendungsarchitektur und eine klare Definition der Ziele und Vorteile, die von der Migration in die Cloud erwartet werden. Allerdings sind Theorie und Praxis auch hier zwei Seiten derselben Medaille: So gut und wichtig präzise Analysen und die konsequente Strategieumsetzung auch sind – in der Praxis geht nichts über eine möglichst natürlich gewachsene Public-Cloud-Struktur. Wird die Analyse zu abstrakt und ohne die Einbeziehung von Praxiserfahrung ausgeführt, droht bei der Umsetzung die Verzögerungsfalle: Je größer der Maßstab eines solchen Cloud-Transformationsprojekts, desto länger in der Regel auch die Planungsphase. Im Extremfall vergeht soviel Zeit, dass die Analyse bei ihrer Umsetzung bereits veraltet ist und nicht mehr zum Bedarf passt, weil dieser sich in der Zwischenzeit verändert hat. Im Idealfall verwirklichen Banken nach dem Vorbild der Fin- und InsurTechs ihre Cloud-Migration sukzessiv: Anstelle einer abstrakten Bedarfsanalyse und der Umsetzung in einem gewaltigen Akt wird Anwendung um Anwendung in die Cloud gebracht, Transformationsprozesse können sich etablieren und bewähren, was einem „natürlichen Wachstum“ gleichkommt.

Die Pflicht ruft: DevOps für den Bankensektor

Doch die beste Technologie ist nutzlos, wenn sie nicht durch ein kompetentes IT-Team umgesetzt wird. Daher geht der Trend weg von großen, klassischen Softwareeinführungsprojekten und hin zu einer agilen Entwicklung nach dem sogenannten DevOps-Ansatz. Hier werden Softwareentwicklung und Betrieb dieser Software vereint. Das verspricht reibungslose Abläufe und eine deutlich verkürzte Time-to-Market. Erst die Verknüpfung von DevOps und Cloud Services ermöglicht es einem Unternehmen, die Vorteile der Public Cloud voll auszunutzen.

Rufen wir uns noch einmal ins Gedächtnis: 58 Prozent der Banken planen, in den kommenden Jahren eine Multi-Cloud-Strategie umzusetzen. Demgegenüber stehen aber nur 15 bzw. 16 Prozent der Banken und Versicherungen, die derzeit bereits DevOps mit spezialisierten Rollen des IT-Fachpersonals anwenden. Durch die Beibehaltung von Spezialisierungen sind die Beschäftigten tiefer in Entwicklung und Betrieb der Anwendungen involviert, können spezifisch auf Fehler reagieren und gewährleisten dennoch die symbiotische Zusammenarbeit der Bereiche

Entwicklung und Betrieb.


„Die beste Technologie ist nutzlos, wenn sie nicht durch ein kompetentes IT-Team umgesetzt wird. Daher geht der Trend weg von großen, klassischen Softwareeinführungsprojekten und hin zu einer agilen Entwicklung nach dem sogenannten DevOps-Ansatz. Hier werden Softwareentwicklung und Betrieb dieser Software vereint.“
Daniel Wagenknecht, Partner bei KPMG im Bereich Financial Services


Auch wenn der Modernisierungsdruck auf die Branche hoch ist: Besonders die komplexe, zeit- und kostenintensive Migration in die Multi-Cloud setzt Expertise, dynamische Strukturen und innovative Workflows voraus, damit die neuen Technologien einen Mehrwert generieren. Andernfalls wird das Projekt Public Cloud schnell zur Kostenfalle und bremst Innovation dort, wo es sie eigentlich beschleunigen sollte. An der Diskrepanz zwischen den großen Multi-Cloud-Ambitionen der Banken und ihrer vergleichsweise gering ausgeprägten DevOps-Implementierung ist womöglich eine künftige Konfliktlinie abzulesen: Die Herausforderung Cloud-Migration ist schon groß genug. Eine Multi-Cloud-Strategie mit zwei oder gar mehr Dienstleistern ist ein ungleich komplexeres Unterfangen, das ohne die entsprechenden internen Governance-Strukturen kaum gelingen kann: Auf einem Feldweg hilft der schnellste Sportwagen nichts.

Daher sollten die Institute unbedingt darauf achten, dass neben den Planungskommissionen, Budgets und Mitarbeitenden auch ihre internen Organisationsstrukturen bereit für die Beschleunigung aus der Cloud sind.

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Bild von Wynn Pointaux auf Pixabay